ADHS ist mehr als ein „Verhaltensproblem“. Dahinter steckt eine andere Art, wie das Gehirn Reize verarbeitet und steuert. Für Eltern und Fachkräfte kann es hilfreich sein zu verstehen, was im Kopf von Kindern (und Erwachsenen) mit ADHS passiert – und warum sich das im Alltag so deutlich zeigt.
1. Das Gehirn arbeitet anders – nicht schlechter
Bei ADHS handelt es sich nicht um ein „defektes“ Gehirn, sondern um eine neurobiologische Besonderheit. Bestimmte Bereiche entwickeln sich langsamer oder arbeiten weniger effizient zusammen:
- Frontalhirn (präfrontaler Kortex): zuständig für Planung, Aufmerksamkeit und Impulskontrolle. Hier läuft die „Steuerzentrale“.
- Basalganglien: regulieren Bewegungen und sind am inneren Antrieb beteiligt.
- Kleinhirn: unterstützt Koordination und Feinanpassungen.
Studien zeigen, dass diese Bereiche bei ADHS oft geringfügig verzögert reifen – nicht dauerhaft geschädigt sind.
2. Botenstoffe im Ungleichgewicht: Dopamin & Co.
Eine Schlüsselrolle spielt das Belohnungssystem im Gehirn:
- Dopamin ist ein Neurotransmitter, der Motivation und Belohnung vermittelt. Bei ADHS ist der Dopamin-Haushalt weniger stabil. Dadurch fühlen sich Routineaufgaben „unterfordernd“ an, während Neues oder Spannendes sofort aktiviert.
- Noradrenalin ist ebenfalls beteiligt und beeinflusst Aufmerksamkeit und Wachheit.
Das erklärt, warum Kinder mit ADHS oft scheinbar mühelos in ihren Lieblingsaktivitäten „versinken“ – während andere Aufgaben wie Hausaufgaben unüberwindbar wirken.
3. Der Reizfilter im Dauerstress
Ein weiteres Kennzeichen: Das Gehirn filtert Reize weniger konsequent. Geräusche, Bewegungen oder Gedanken konkurrieren ständig um Aufmerksamkeit.
- Bei ADHS: alles ist gleichzeitig wichtig – das tickende Uhrwerk, der vorbeifahrende LKW, das eigene Gedankenkarussell.
- Bei anderen Kindern: das Gehirn blendet Nebensächlichkeiten automatisch aus.
Das führt zu dem typischen Wechsel zwischen Überforderung und plötzlichem Hyperfokus.
Von außen wirkt das Verhalten oft wie reine Lebhaftigkeit. Doch es lohnt sich zu verstehen, wo der Unterschied liegt: 👉 ADHS vs. normale Unruhe – Wo liegt der Unterschied?
4. Entwicklung über die Lebensspanne
Das Gehirn entwickelt sich kontinuierlich. Viele ADHS-Kinder „holen auf“, wenn bestimmte Strukturen reifen. Dennoch bleibt die grundlegende Funktionsweise oft ein Leben lang spürbar – im Jugendalter durch innere Unruhe, im Erwachsenenalter durch Schwierigkeiten bei Organisation oder Zeitmanagement.
5. Was dieses Wissen bedeutet
Das Verständnis für die neurologischen Hintergründe ist entscheidend:
- ADHS ist keine Frage von Willenskraft oder Erziehung.
- Strukturen, klare Abläufe und kleine Belohnungen können die Arbeit des Gehirns erleichtern.
- Medikamente oder Therapien setzen häufig genau hier an – beim Stoffwechsel der Botenstoffe und der Verknüpfung der Netzwerke.
Fazit
ADHS ist keine Charakterfrage, sondern Ausdruck einer anderen neuronalen Taktung. Wer versteht, wie Dopamin, Reizfilter und Gehirnreifung zusammenwirken, sieht hinter dem Verhalten das eigentliche Muster: ein Kind, dessen Nervensystem die Welt anders organisiert. Dieses Wissen hilft Eltern und Pädagogen, mit mehr Verständnis und weniger Vorurteilen zu begleiten.
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